Besuch in der Ukraine im Maerz 2023

Autor: Jan Hakenberg, 28. Maerz 2023

Im Februar 2022, etwa zwei Wochen bevor Kriegsbeginn, hatte ich bereits mit dem Auto die Staedte Uman, Kiew, und Riwne in der Ukraine besucht. Von Chisinau/Moldawien kommend bin ich damals durch Transnistrien in die Ukraine eingereist. Fuer den Zweck der Durchreise ueber die Strassen von Transnistrien wurde ein 24 Stunden Visum fuer 4 EUR ausgestellt. In Kiew hatte ich den zentralen Majdan Nesaleschnosti (Platz der Unabhaengigkeit) besucht, der durch die Orange Revolution 2004, und die Euromaidan Proteste 2013/2014 international bekannt geworden war. Von dem ersten Besuch sind mir ausserdem in Erinnerung: der Brauch Anhalter mitzunehmen, sowie die streckenweise mit Schlagloechern und Bodenwellen belasteten Strassen, die zuegiges Fahren in der Nacht verunmoeglichen.

Seit Februar 2022 ist die Ukraine taeglich in den deutschen Medien praesent. In diesen Berichten geht es um geopolitische Fragen, konkrete Kampfhandlungen, oder Waffensysteme. Ich wollte ein zweites Mal die Ukraine mit dem VW Polo bereisen, um in den verschiedenen Staedten und Regionen die Auswirkungen des Krieges zu sehen, und den Alltag und die Stimmung wahrzunehmen.


LKW Stau

Am 14 Maerz 2023 bin ich mit dem Auto beim polnischen Hrebenne in die Ukraine eingereist. Hinter der Grenze gab es einen langen Stau von LKWs, um die Ukraine zu verlassen.



Oeffentliches Leben in Lwiw

In relativ kurzer Distanz nach der Grenze liegt die Stadt Lwiw. Lwiw hat eine grosse Fussgaengerzone in der Innenstadt und beeindruckende alte Haeuserfassaden. Man sieht Maenner und Frauen jeden Alters auf den oeffentlichen Plaetzen in der Stadt. Dieses Treiben signalisierte Normalitaet und bedeutete mir, dass solange man sich in dieser Umbegung befindet, die Reise nicht uebermaessig risikoreich ist.

Am Tag meiner Anreise gab es abends in Lwiw Sirenenalarm fuer etwa 15 Minuten. Einige Einrichtungen wie Museen, oder McDonald's Restaurants schliessen dann bis zur Entwarnung. Vor wichtigen oeffentlichen Gebaeuden waren bewaffnete Wachtposten. An vielen Haeusern waren die Fenster zum Untergeschoss mit Sandsaecken versperrt.



Gefallene

Die Stadt Ternopil ist um einen See angeordnet, sicher beliebt bei Touristen im Sommer. In Stadtzentrum gibt es eine lange Anordnung von grossen Portraits von gefallenen ukrainischen Soldaten.

Das Hotel in Uman in dem ich bereits ein Jahr zuvor untergekommen war, hatte diesmal leider kein Zimmer frei. Ein anderes Hotel habe ich trotz Beschreibung nicht ausfindig machen koennen. Also bin ich weiter Richtung Odessa gefahren. Bis vor Uman habe ich nicht allzuviele Autos mit auslaendischen Kennzeichen gesehen. Ab Uman hat sich das geaendert. Bei Uman gibt es ein grosses Autobahnkreuz, wo sich die Wege zwischen Kiew und Odessa, sowie zwischen Lwiw und Kropywnyzkyj treffen. Hier wurde ich zum ersten Mal an einem Kontrollposten zum Stehenbleiben aufgefordert. Der Polizist an der Kontrollstation war sehr nett, und sprach gut Englich. Er fragte nach meinem Pass, Ziel, und dem Zweck der Reise gefragt. Ich sei Tourist auf dem Weg nach Odessa. Er fand das interessant und wir haben beide geschmunzelt.

Entlang der Autobahn in Richtung Odessa habe ich dann an einem Rastplatz-Hotel angehalten. Beim Einchecken wollte niemand meinen Pass sehen. Im Nebenraum fand eine Geburtstagsfeier statt. Es gab eine ansteckende ausgelassene Stimmung bis etwa 23 Uhr. Als ich um 7:30 Uhr morgens den Zimmerschluessel zurueckgab, um weiterzufahren, war mein Auto das einzige Fahrzeug auf dem Parkplatz. Alle anderen waren schon frueher aufgebrochen.



Open-air Fitness Areal, Strand

In Odessa habe ich einen freien Parkplatz in der Naehe vom Bahnhof gefunden. Von dort bin ich zuerst zum Strand gelaufen, der durch einen langgezogenen Park von der Innenstadt getrennt ist. In dieser Umgebung bin ich auf ein Rudel aggressiver Strassenhunde getroffen, die aber zufriedenzustellen waren, indem man sich von ihrem Revier entfernt. Die Hunde haben eine sichtbare Markierung im Ohr. In Strandnaehe gibt es ein oeffentlich zugaengliches open-air Fitness Areal, aehnlich wie ich es bereits in Sued-Korea angetroffen hatte. In Odessa ist die "Potemkinsche Treppe" bekannt, aber leider war diese Sehnswuerdigkeit incl. der umliegende Bereich fuer nicht-Anwohner abgesperrt. An dem Wachposten waren sehr junge Maenner in Uniform, deren Englisch sich auf "bye" beschraenkte. Beim Schlendern durch die Fussgaengerzone am naechsten Morgen, hat mich eine Gruppe von vier bewaffneten Uniformierten angesprochen. Wahrscheinlich war der Zweck eine Identitaetsfestellung, ob ich mich einem Einberufungsbescheid entzogen haette. Ich habe dann auf Englisch geantwortet, dass ich Tourist sei. Dann sagten sie "bye", aber ich habe sie dann doch noch nach dem Weg ins Kunstmuseum gefragt.



Ladas, Gebaeude kaputt

Am zentralen Platz in der Stadt Mykolajiw vor der Stadtverwaltung hatten zwei ukrainische junge Maenner ihre Ladas ausgestellt. Ich habe mich laenger mit ihnen unterhalten. Einer der beiden sagte, dass er denke, dass die Ukraine noch in diesem Jahr, also 2023, die russischen Truppen von den Gebieten zurueckdraengen wird, und danach Verhandlungen beginnen werden. Direkt gegenueber der Stadtverwaltung war ein Gebaeude massiv beschaedigt worden. Der Bereich darum war abgesperrt, es stehen Symbole zum Gedenken am Rand.



Minen am Ufer

Mein urspruenglicher Plan war, entlang des Dnipro Golfs nach Cherson zu gelangen, aber diese Strasse wurde zu matschig und mein Kartenmaterial war ungenuegend, um eine Alternative zu versuchen. Aus Trotz, weil ich die ca. 40 km lange Strecke zurueckfahren musste, bin ich zwischen Minenmarkierungen zum Ufer des Dnipro Golf gelangt, um im recht kalten Wasser zu baden.



Fubar entlang der M14 nach Cherson

Entlang der Route durch das Landesinnere auf der Autobahn M14 waren die Spuren von vergangenen Kaempfen zu sehen: Kaputte Panzer am Strassenrand, sogar ein abgestuerzter Kampfjet im Feld. Jede Tankstelle war zerstoert. Haeuserfassaden mit Einschussloechern von Gewehrkugeln.



Sicht auf besetztes Gebiet

Die Stadt Cherson wirkte groesstenteils unbewohnt. Fenster sind mit Spanplatten verdeckt. Auch hier: Einschusslocher von Gewehrkugeln in den Haeuserfassaden. Von dem Stadtgebiet aus wurden im Durchschnitt etwa alle drei Minuten Geschosse abgefeuert, was eine unangenehme Druckwelle erzeugt. Das andere Ufer ist von der russischen Armee besetzt. Im ganzen Innenstadtbereich habe ich nur ein geoeffnetes Cafe mit eingeschraenkten Oeffnungszeiten gefunden.



Bruecke kaputt

Meine Absicht war entlang des Fluss Dnepr von Cherson nach Nikopol zu fahren. Aber nach einigen Kilometern machte eine zerstoerte Bruecke ein Weiterkommen entlang des Ufers unmoeglich. Fuer militaerische Fahrzeuge war ein Faehrdienst eingerichtet. Also bin ich stattdessen landeinwaerts nach Krywyj Rih gefahren.

Der Weg von Krywyj Rih nach Nikopol fuehrt teilweise am Ufer des Dnepr entlang. Hier sind Schuetzengraeben und Abwehrmassnahmen, um eine Landung ueber den Fluss zu erschweren. An einer Stelle habe ich angehalten, und einen Soldaten gefragt, ob ich weiter zum Wasser laufen duerfe. Er sagte sinngemaess, You cannot go to the water, this is a warzone.



Kinder in Nikopol

Spaeter, als ich bereits im urbanen Bereich von Nikopol angekommen war, bin ich abermals an das Ufer gefahren in der Hoffnung Baden zu koennen. Als ich gerade aus dem Auto ausgestiegen bin, hat sich ein Soldat aus seiner Stellung begeben und mir bedeutet mit meinem Auto wegzufahren. Fuer die Stadt Nikopol gilt dasselbe wie fuer Cherson: Weitestgehend verlassene Innenstadt, Spuren der Zerstoerung an einigen Gebaeuden. Weil der Himmel an dem Tag wolkenlos war, hat mich die spaerlich bevoelkerte Kulisse an Australien erinnert.



Bruecke nach Saporischschja, Sandstrand

Die Stadt Saporischschja ist beeindruckend: Entlang des breiten, langsam fliessenden Flusses gibt es einen schoenen Sandstrand. Die Innenstadt ist uebersichtlich strukturiert: Alle wichtigen Einrichtungen sind entlang einer breiten, geraden Strasse angeordnet und einfach abzulaufen.

Ein Ukrainer in Odessa hatte mir den Tip gegeben, unbedingt die Stadt Dnipro zu besuchen. Hier haben die Menschen auf mich eingeredet zum ersten Mal auf der Reise auf Russisch, statt auf Ukrainisch. In der Suedhaelfte der Stadt gibt es einen schoenen Volkspark und eine Insel mit Strand.



Eingehuelltes Monument, Markthalle

Die Autobahn zwischen Dnipro und Charkiw ist exzellent. Man schafft die Strecke in 2/3 der von google maps angezeigten Dauer. Das Wetter war angenehm. Es herrschte normale Aktivitaet auf den Strassen, in den Geschaeften, und in den Parks. Allerdings wirkte die Bevoelkerungsdichte und generelle Auslastung niedriger als unter gewoehnlichen Umstaenden.

In Charkiw ist mir zum erstenmal ein Monument/Statue auf einem zentralen Platz aufgefallen, das aufwaendig mit Sandsaecken und Netzen verhuellt war. In Kiew, gab es ebensolche Schutzvorkehrungen fuer bedeutende Symbole.

Auf dem Weg nach Kiew, habe ich Zwischenstation in der Stadt Poltawa gemacht.



Zerstoertes Material, Gedenktafel, WDR in Kyiv

In Kiew habe ich im schoenen, flachen Stadtteil Podil geparkt. Von hier ist das eigentliche, huegelige Stadtzentrum gut zu Fuss zu erreichen. Auf dem grossen Platz vor dem Ministry of Foreign Affairs of Ukraine sind mehrere zerstoerte Fahrzeuge und Kanonen der russischen Armee zum Anfassen ausgestellt. (Zum Vergleich: In Riga/Lettland steht ein einzelner zerstoerter Panzer der russischen Armee im Stadtzentrum, allerdings ist der eingezaeunt und Anfassen ist verboten.) Entlang der Mauer des angrenzenden St. Michaelskloster sind Portraits von gefallen ukrainischen Soldaten ausgestellt. Die Reihe fuehrt auch viele Gefallene in den Jahren 2015, 2016, usw. auf. Im Stadtzentrum standen drei saubere "Press" Vans/Jeeps mit deutschem Kennzeichen. Nachdem ich lange in suedliche Richtung gelaufen war, wollte ich eine U-Bahn zurueck nehmen. Noch in 2022, war der Kauf eines Tickets fuer 8 UAH/0.20 EUR mit cash am Schalter unkompliziert. Diesmal gab es nur Automaten und so einer verlangt eine Telephonnummer. Ein Wachmann hat mir geholfen, indem er fuer den Kauf eines Tickets seine Telephonnummer eingesetzt hat.

Auf dem Rueckweg nach Polen, habe ich erneut in Lwiw Halt gemacht, weil ich die Stadt fuer fussgaengige Touristen als die schoenste empfunden habe. Der Grenzuebertritt bei Schehyni nach Polen hat mit Anstehen insg. 6 Stunden und 30 Minuten gedauert. Die ukrainischen Zoellner haben in jedem Winkel des Gepaecks geschaut, und auch im Auto alles durchsucht. Spaeter ist mir die Vermutung gekommen, dass sie evtl. nach Kriegs-Souvenirs (Huelsen, Splittern, ...) gesucht haben. Auf der polnischen Seite hat sich dasselbe Prozedere wiederholt. Am 25. Maerz frueh morgens habe ich mich zurueck in Polen befunden.

One person’s constant is another person’s variable.
Susan Gerhart

Kartenmaterial

Um die territoriale Situation zu verstehen habe ich die Webseite liveuamap.com benutzt.

Screenshot vom 27-Mar-2023 auf liveuamap.com mit angedeuteter Route

Bemerkungen

Ukrainische Polizei und Militaer


Beschilderung

Nicht-ukrainisches Militaer

Folgendes ist zu betonen: Hypothetisch kann sich jeder eine gebrauchte Flecktarn-Uniform auf einem Flomarkt kaufen, ausserdem seinen privaten Gelaendewagen mit Flecktarn anmalen, damit in die Ukraine einreisen, und sich als Freiwilliger melden. Wenn man also militaerisch anmutende Fahrzeuge mit auslaendischem Kennzeichen und Personen in Uniform sieht, ist nicht erkenntlich, ob das offizielle, staatliche, oder inoffizielle Beteiligung ist.

Ziviles

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